Was man nicht hatte, kann man auch nicht verlieren

„Was man nicht hatte, kann man auch nicht verlieren!“ An diesen Spruch meiner Mutter musste ich denken, als ich in einem Gartenlokal vor dem Rathaus von Nikolaiken saß und beobachtete, wie sich eine Gruppe von rund 10 Jugendlichen in einer Reihe aufstellte und begann Ostpreußen- und Fahrtenlieder auf Deutsch a Capella zu singen.

Schon skurril, 20zig -Jährige besingen über 70 Jahre nach Kriegsende mitten in Ostpolen auf Deutsch die verlorene Heimat. In der Rummelplatz-Atmosphäre auf dem Alten Markt fiel den meisten Polen der Auftritt der jungen Männer mit dem Facon Haarschnitt a la Helmut Schmidt, in den gleichen dunkelgrauen Hemden und den Hosen mit dem Koppelschloss am Gürtel nicht auf. Mit Sicherheit verstanden sie nicht die Texte.

Aber ich hätte erwartet, dass der Auftritt einer Truppe, die einer HJ-Werbebroschüre entsprungen sein könnte, Unmut erregt. Wahrscheinlich wollten diese rückwärtsgewandten Sänger genau diese Reaktion provozieren. Aber nichts passierte. Ungerührt gingen die Polen von einer Jahrmarktsattraktion zur nächsten und die Sänger waren keine- eine souveräne Antwort.

Ich aber habe angewidert meinen Platz im Gartenlokal verlassen. Soviel Geschichtsvergessenheit ekel mich an.

Doch meine Mutter ging mir nicht aus dem Kopf. Sie war hier in der Nähe geboren worden und Zeit ihres Lebens nie wieder hierher zurückgekommen. Bei den wenigen Zusammenkünften der Dorfgemeinschaft schwieg die ansonsten sehr ezählfreudige Frau auffallend. Und wenn ich dann nach diesen erinnerungsschwangeren Treffen nach ihren eigenen Erlebnissen fragte, kam zumeist die Antwort: „Junge, schau im Leben nach vorne.“ Abgewechselt von: „Was vorbei ist, ist vorbei. „und „Lasse die Toten ruhen, sie spielen keine Rolle in deinem Leben. Du kennst sie nicht!“

Den einzigen Hinweis, den ich nach längerem Bohren erhielt, waren die Bemerkungen, dass Dörfer für junge Menschen nie schön seien, insbesondere nicht für Mädchen. Zu eng, zu vorbestimmt, zu überwacht und vorfestgelegt seien diese Käffer, nichts für junge Menschen, die leben wollen. Sie sei auf jeden Fall froh gewesen mit 15 eine Lehre bei der Reichsbahn zu beginnen und aus der klaustrophobischen Enge ihres Heimatdorfes herauszukommen.  

So blieben mir von Westpreußen nur die Erzählungen von Jugendstreiche im Dorf, von und gegen Menschen, die ich nicht kannte. Die Berichte über Unmengen an Störchen im Sommer und Wäldern, die angeblich ganz besonders rochen und unnachahmlich rauschten.

Reichen diese Zutaten für Heimatgefühle?

Die Wälder von Alaska rauschten auch und waren noch viel größer als die in Westpreußen. Viele Störche gibt es auch im Sommer im Elsass und in der Extremadura. Und die einzigen Gegenden der Welt, die ich am Geruch erkannt habe, waren die Kanarischen Inseln und Korsika.

Doch auch wenn ich in einigen dieser Gegenden gerne bin, würde ich sie nicht als Heimat bezeichnen. Also bleibt Heimat eine Vorstellung, wo man etwas erlebt und/oder geschaffen hat. So werden Orte zu nachhaltigen Erlebnisräumen und die Heimstatt der Erinnerungen.

Das ist flexibel genug für dass oft beobachtete Phänomen, dass man sich an Orten heimisch fühlt, an denen man nicht geboren wurde.  

Doch was sind die Masuren für junge 20zig-Jährige? Sie sind hier nicht geboren worden, haben in der Region nichts erreicht und in den Masuren nichts geschaffen. Und mittlerweile sind Generationen von Polen hier geboren worden, die in den Masuren etwas erlebt und geschaffen haben.

„Was man nicht hatte, kann man auch nicht verlieren“!

Bei mir auf jeden Fall stellten sich keine Heimatgefühle ein bei Orten, wie

Nikolaiken (Rummelplatz mit alten Häusern)

Allenstein (erneut renovierungsbedürftige kleine Altstadt, die umzingelt und erstickt wird von sozialistischen Bausünden)

Rhein (ruhiger Ort mit schöner Ritterburg, jetzt Hotel)

Elbing (Nur noch ein schöner Straßenzug in der sozialistischen Bau-Öde)

Marienburg (Mächtige und ansehnliche Ritterburg mit großen faden sozialistischen Industrie- und Wohnkragen, den man allerdings leicht verdrängen kann, wenn man auf der anderen Seite des Flusses bleibt).

Marienburg

Allenstein

Nikolaiken