Motorboot Tour auf den masurischen Seen

Touren mit dem Motorboot standen immer hoch oben in der Optionsliste meiner möglichen Aktivitäten im Rentneralter.

Schließlich hatte der britische Ex-Premierminister Edward Heath seine erfolgreiche Karriere als Hochseesegler auch erst mit Mitte 60 begonnen. Und gemächliche Touren über die Mecklenburger Seenplatte, die Havel und die Spree könne im Alter Spaß machen, wie ich von Besichtigungsfahrten weiß, wo ich viele Rentner auf ihren Booten getroffen habe.

Ich wollte immer mal die Gegend besuchen, in der meine Eltern geboren wurden. Wenn sich das auch noch mit einer Bootserkundung verbinden ließ, umso besser. Schließlich ist Ostpolen weit genug weg von den Hotspots der mitteleuropäischen Schifffahrt. Da könnte ich auch Schiffe versenken, ohne meinen Ruf als ernsthafter Gesprächspartner in Schifffahrtsfragen zu ruinieren.

Während meiner beruflichen Tätigkeit traute ich mich nicht auf Bootstouren zu gehen. Über 40 Jahre lagen meiner Prüfungen für den Bootsführerschein zurück. Bisherige Fahrpraxis = O. Auch die Regelungen zum Charterschein wären für mich nicht hilfreich. Schließlich hatte ich mitgeholfen diese gute, aber bei den Verbänden umstrittene Regelung durchzusetzen. Aus Rache schickten die Vereine mir monatelang Aufnahmen von Bootsunfällen, in die Bootsführer ohne Führerschein verwickelt waren. Auf solchen Aufnahmen wollte ich nicht auftauchen.

Die hämischen Kommentare konnte ich mir selber schreiben: Ein führender Mann der Schifffahrt im Bundesministerium brettert in Schleusentore, mäht Dalben um oder versenkt Bojen. Auch in den Ländern um uns herum war ich in Schifffahrtskreise zu bekannt, um unerkannt Havarien verursachen zu können. Aber Ostpolen war für ein solches Experiment weit genug weg.

„Wanne Eickel“ prangte in massiver Eiche geschnitzt auf dem Bug unserer Aro 950, einer 10 m langen, fast 3 m breiten und 10 Tonnen schweren motorisierten Schute. Eingerichtet war sie in schönster massiv Eiche im besten Gelsenkirchener Barock. Wie Omas Schrankwand strahlte sie in Ostpolen NRW-Heimatgefühle aus.

Verkehrsregeln und Schilder kannte ich. Schließlich hatte ich ein Praxis- und kein Theoriedefizit und das bereitete mir Sorgen. Zumal die erste Schleuse bereits nach 15 Minuten Fahrt zu passieren war. So habe ich vorsichtshalber ein vierstündiges Skipper Training bei Herrn Jürgen gebucht.

Da die Einstellung für Schleichgänge fehlte, waren die ersten Anlegeversuche hektisch: zu schnell auf den Anleger zugefahren, zu heftig gebremst und gelenkt. Aber richtig hart in den Anleger bin ich nie gebrettert. Das blieb meinem Einweiser vorbehalten. Nachdem ich in der zweistündigen Wartezeit vor der Schleuse mit den 30 anderen wartenden Booten Positionstänzchen geübt habe (gute Fahrpraxis aber langweilige Situation) übernahm Jürgen die Einfahrt in die Schleuse. Zuvor hatte er Drängler übelst auf Polnisch beschimpft, die Mädchen auf den Nachbarschiffen angemacht, um dann anschließend so mit Karacho in die Schleusenwand zu brettern, dass unser Fockaffe (Vorschoter, der im Vorschiff die Leinen sortiert) fast von Bord gefallen wäre.

Das Chaos in der Einfahrt der Schleuse war filmreif. Einige Drängler schafften es direkt in die Schleuse zu fahren. Die am längsten wartende Jacht kam nicht schnell genug vom Dalben los und legte sich aus Frust und Trotz quer in die Einfahrt, was natürlich Flüche und Geschimpfe auslöste. Die anderen mussten im Gedrängel zurücksetzen, was das Knäul vor der Schleuse verdichtete. So etwas passiert, wenn 30 Boote in eine Schleuse wollen, die nur 11 Schiffe packt und niemand den Verkehr regelt. Als sich nach 30 Minuten das Durcheinander aufgelöst hatte, erschien auch der Schleusenwärter und kassierte die Gebühr ab.

Doch das größte Problem der Guschiener Schleuse ist ihre Bauart. Nicht umsonst werden Schleusen üblicherweise in U-Form gebaut. Die Sicherung der Schiffe am Schwimmer ist einfach. Ganz anders bei der V-förmigen Schleuse wie der Guschiener. Ihre Wände stehen im 45 Grad Winkel. Bei Fahrten vom Unter- ins Oberwasser hat man große Probleme im sprudelnden Schleusenwasser nicht zu verdriften und in der umgekehrten Fahrt und bei Gedrängel produziert die Bauart der Schleuse Schrott. Was im Oberwasser noch passte hängt nach ablaufenden Wasser in der Luft. Da möchte ich kein Paddler sein. Muss meine ehemaligen Kollegen vom Wasserbau mal fragen, wer einen solchen Schwachsinn konstruiert hat. Die Schleuse sieht noch so aus, als wäre es die preußische Wasserbauverwaltung gewesen. Wenn dem so ist, wäre es kein Ruhmesblatt für deutsche Ingenieurskunst.

Nachdem wir Herrn Jürgens Dotzer ohne Schaden überstanden hatten, stieg er aus und ich dachte mir, „Wenn das die ganze Kunst ist, kann ich das auch!“. Im Folgenden steuerte ich das Boot ohne weitere „Bandenberührung“ aus der Schleuse und Richtung Nikolaiken.

Navigatorisch stellen die Seen keine hohen Ansprüche. Die Tonnen sind rot und grün und vor allem zahlreich und gut sichtbar. Das Revier besteht aus drei großen Seen und zwei Vebindungskanälen. Alles ist in einer Woche leicht zu bewältigen. Leider standen die Algen in voller Blüte und färbten das Wasser grünlich trüb. Daher haben wir auf ein Bad im See verzichtet. Und wildes Anlegen in den Buchten schien uns angesichts der vielen Mücken und der riesigen Bremsen auch nicht ratsam.

Ist Autofahren in Polen schon gewöhnungsbedürftig (rechts überholen, drängeln, schneiden…), so scheinen sie auf den Seen überhaupt keine Regeln zu kennen. Hochmotorisierte Sportboote pflügen in Hochgeschwindigkeit über die Seen ohne Rücksicht, dass Schwall und Sog den anderen Schiffen Probleme bereiten könnte. Segler kreuzen ständig die Fahrrinne und gehen mit Absicht auf Kollisionskurs mit langsamen Motorbooten. So herrscht in der Hochsaison ständig Hektik vor dem Bug.

Nach den Erfahrungen verstand ich auch den Hinweis eines deutschen Rentners am Beginn der Reise. „Vergiss die Regeln“, meinte er. „Die kennt hier keiner und die wenigen, die sie beherrschen, halten sich nicht dran“. „Am sichersten fährst du, wenn du davon ausgehst, dass die alle nicht fahren können!“

Schmerzlich erfahren musste ich leider auch, dass Sportschifffahrt nichts für normal große Menschen wie mich ist. Einmal Kaffee kochen in der Kombüse und man hat fünf Beulen am Kopf. Es gibt keine Chance für aufrechtes stehen an Bord und die Toilette ist nur durch Peristaltik unterdrückende Haltungen zu besteigen. Auf Dauer leidet die Verdauung darunter. Das ist ein Systemproblem der Schiffe und nicht nur auf unserer ARO so. Bei Nachbarn habe ich einmal eine 13 Meter Segeljacht getestet – Auch zu eng und zu niedrig.

Das Einzige, was mir Spaß machen würde, wäre ein Slalom-Kurs in einer engen Marina. Ansonsten habe ich die Sportschifffahrt von der Liste meiner Zukunftsoptionen gestrichen. Sorry liebe Südwester (Sportschifffahrtsclub des Verkehrsministeriums).

ARO 950 in Nikolaiken

Gruschiener Schleuse mal leer

Marina in Rhein

Leider war die ARO bei Regen inkontinent